Überreichung des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien

Franz Schuh


Schmähführen
Laudatio für Lukas Resetarits


Es ist gut, es ist ausgezeichnet, dass die Stadt diejenigen, die ihr Ehre machen, ihrerseits ehrt, und es ist ausgezeichnet, dass als Vertreter der Bürgerschaft ein Laudator hier vor Ihnen steht, der die Arbeit übernimmt, den hervorragend Lobenswerten mit den entsprechenden Worten in einer Feierstunde auszuzeichnen. Meine Lobrede zur Überreichung des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Wien wird im folgenden ins Grundsätzliche gehen, also in dem Sinn fragen, was ist das eigentlich für eine Kunst, die wir hier auszeichnen, und was hat die Stadt dem Künstler und was hat der Künstler dieser Stadt gegeben. Eine Lobrede, die kein Versuch der urbanen Selbstvergewisserung wäre, erschiene mir - in diesem Rathaus - wenig lobenswert, aber Selbstvergewisserung, sehr geehrte Damen und Herren, braucht ihre Zeit, für die ich Sie um geneigte Aufmerksamkeit bitte.

Als der 1947 geborene Erich Lukas Resetarits 1951 aus Stinaz nach Wien Favoriten übersiedelte, hat er - zumindest in seiner Erinnerung - auf die erste Begegnung mit uns Wienern, die wir schon da waren, mit der fragenden Sentenz reagiert: "San die deppert oder bin i deppert?" Das ist eine Frage von großer Weisheit - potentiell ja auch eine selbstkritische Frage, denn sie hat ja einen offenen Horizont. Ja, es ist ein Kampf um den offenen Horizont, um das Fragwürdige ebenso wie um die Gewissheiten, und in dieser Stadt ist man eingesperrt genug. Man sieht sich hier schwer raus und die, die von Amts wegen oder aus eigener Vollkommenheit den Überblick haben, will man ohnedies vergessen. Die Stadt ist ja wie alle großen Städte und wie alle kleinen Städte an nicht wenigen Stellen der reine Wahnsinn, und mit Freuden höre ich, dass jetzt die Karlsplatz-Passage endlich in eine Kulturmeile, in eine Kulturmeile umgewandelt wird. Das ist das gute alte Wien - dort, wo das Leben in seiner Unerträglichkeit pulst, kommt Kultur drauf, um nicht nur die Unerträglichkeit zu ersticken.

In einem seiner Programme bespricht Resetarits das Wort "Wirtschaft" und er stellt fest: Wenn einer in Bayern sagt, er geht in die Wirtschaft, heißt das: Er geht ins Wirtshaus. Sagt einer hier, er geht in die Wirtschaft, so heißt das: Er war ein Politiker und geht jetzt in die Wirtschaft. Das ist ja hochaktuell, denkt man an ein einen Floridsdorfer, an Hannes Androsch, der in die Wirtschaft gegangen ist, und der - jüngst 70 Jahre alt geworden - zu seinem Geburtstag unter Beihilfe bereitstehender Medienmenschen sich das Geschenk macht, seine Deutung signifikanter Konflikte als die allein seligmachende und einzig wahre durchzusetzen: Der Prozess gegen ihn ein politischer Prozess, die Justiz hat sich "voll" einspannen lassen ..., die Minister Salcher, Vranitzky und Lacina haben als Chefs der Finanzbehörde "mitgemacht", um den Wunsch ihres Herrn und Meisters, nämlich Kreiskys, zu erfüllen ...

Und so weiter / und so viel fürs erste zu Kultur und Politik. Ich hab's ja nur zitiert, weil ich mir damit klarmachen kann, was die Bühnen-Programme des Resetarits all die Jahre waren; sie waren Inseln der Gegen-Öffentlichkeit. Das Gegen ist heikel, weil die anerkannte und geehrte Gegnerschaft zugleich aufgehobene Gegnerschaft ist, von der man glauben mag, kein Aufhebens mehr davon machen zu müssen. Das Gegen des Resetarits pendelt aus meiner Sicht in eine Mitte, die etwas ganz anderes ist als ein Mittelmass; das Gegen ist nicht so radikal, wenn man will, nicht so extrem, wie es sich angekündigt hat oder besser, wie es angekündigt wurde, und wie es auch zu Anfang war, und wie es vielleicht heute manchmal propagiert wird. Es ist jedoch bei weitem nicht so angepasst wie der Konformismus der Nonkonformisten es sich herrichten möchte, damit der eingefleischte Nonkonformist im Chor mitfeixen kann, wenn zum Beispiel nur der Name gewisser Politiker fällt. Aber was es ist dann?

Es ist die alte stadtbürgerliche Tugend, durch Geist und Witz in die Abläufe, in das "Seinesgleichen geschieht", kommentierend einzugreifen, und wenn es sein muss, oder wenn es geht, Geist und Witz auch als solche, also frei von Eingriffen und Abläufen zu präsentieren, damit sie auch autonom , als Selbstzweck passieren können. Im Wienerischen gibt es ein Wort für Geist und Witz, für spezifischen Geist und Witz - es heißt Schmäh, und bevor man darauf stolz ist, dass man einen hat, sollte man wissen, was das überhaupt ist. Das Kämpferische ist in dem Wiener Wort "Schmäh" fast auf diskrete Weise enthalten, wegen der Schmähung, die man gelegentlich benötigt, um sich durchzusetzen (wenn möglich nicht ohne so genanntem "Charme") und weil das Wort, falls der Schmäh gelingt, auch auf die Freude darüber anspielt, dass man sich durchgesetzt hat: ein gelungener Schmäh lebt schon davon, dass wenigstens einer drauf reinfällt. Schmäh ist aber nicht, wie Ottfried Fischer aus Erfahrung einmal vermutete, dass man ein Gegner von Jörg Haider ist und die "Kronen-Zeitung" stellt einen so in die Auslage, als wäre man dessen Anhänger. Das wäre doch zu plump. Aus einem Interview mit Lukas Resetarits habe ich eine Passage transkribiert, die die eigentümlichen Verschränkungen, einschließlich der beruflichen, erklärt, aus denen der Schmäh am Ende hervorgeht.

"Für mich", so Resetarits, "ist Schmäh erst dann Schmäh, erst dann diese verbale Herangehensweise ans Leben, wenn man sich selber nicht herausnimmt aus dem Schmäh, das heißt: Die Grundvoraussetzung für den Schmäh, wie ich ihn mag und dessen ich mich befleißige, ist, dass man zuerst einmal auch selber Opfer ist, eigenes Versagen quasi über a Gschichtl darbringt, weil man damit die anderen auch öffnet und eine gewisse Gleichberechtigung gegenüber den Opfern, die man sonst aufs Korn nimmt, von vornherein herstellt; es ist nicht von vornherein unflätig, wenn ich mir selber zwei Watschen heruntergehaut hab', bevor ich die dritte jemanden anderen gebe."

Dass Schmäh eine verbale Herangehensweise ist, bedeutet, dass der Schmähführer und erst recht der Künstler, der mit dem Schmäh arbeitet, einen Akzent auf das Sprachliche setzt; er muss mit Worten Umgang pflegen, mit ihnen umgehen, und zwar zugleich allgemeingültig-korrekt und eigensinnig-anarchisch. Worte sind sein Element, modern: sein Medium, er muss aus den Floskeln die Sprache hervorbringen können, und zwar zumeist gegen die Sprecher, also nicht in trauter Übereinstimmung mit ihnen, sondern in kritischer Distanz. Die Idiotie der sprachlichen Knoten auflösen, "die eh einfach gestrickt sind" - so benannte Resetarits einen wesentliche Teil seiner Arbeit an der Politikersprache. Eine solche Position ist aber fragwürdig, weil sie leicht ins Besserwisserische verfällt, in ein von Oben-Herab, und das ist demokratisch problematisch - wie sollte auch einer, der Demokratie propagiert, mit einem elitären Verfahren auftreten, um ausgerechnet damit Eindruck zu machen? Aber alles von Oben-Herab ist auch schlechter Geschmack. Deshalb die Herstellung der Gleichberechtigung - man ist auf der Bühne sozusagen selber deppert, bevor man was Kluges vorspielt und andere darunter leiden lässt. Das ist in meinen Augen ein klassisches Verfahren, nämlich: das der Ironie, und lustiger, listigerweise ist dieses Verfahren schon so alt, dass es auf Sokrates gemünzt, bereits in der "Nikomachischen Ethik" des Aristoteles vorkommt: "Die Ironischen, die sich in der Rede kleiner machen, geben sich als Leute von feinerer Sitte. Denn sie scheinen sich nicht aus Gewinnsucht solcher Rede zu bedienen, sondern um alle Aufgeblasenheit zu vermeiden. Am liebsten verleugnen sie was ihnen große Ehre macht, wie auch Sokrates zu tun pflegte."

Die Wendung "von feinerer Sitte" ist keineswegs ironisch gemeint, sondern der antike Philosoph weiß, was er in den Ironikern hat, nämlich selber nicht aufgeblasene Gegner der Aufgeblasenheit. Aber ein darstellender Künstler unterscheidet sich grundsätzlich vom Philosophen. Genau das, womit der Philosoph seine Schwierigkeiten hat, ist das Element des Bühnenkünstlers: Der Philosoph, der als Hüter der Wahrhaftigkeit auftritt, hat seine Schwierigkeiten mit der "Verstellung", die ja auch dann passiert, wenn sich der ironische Weise klein macht. Für den Künstler hingegen ist diese Seite der Ironie, mit der er auf der Bühne sein eigenes Versagen darbringt, nicht zuletzt ein Instrument, eine Technik, sein Publikum dazu zu bringen, sich zu öffnen und empfänglich für seinen Witz werden zu werden. Die brachiale Definition der Ironie, ihre Beschreibung durch dass Körperliche, durch die zwei Watschen, die man sich selber runterhaut, bevor man die dritte einem anderen gibt - diese Definition durch Watschen versetzt der Ironie einen förderlichen plebejischen Einschlag, was der gesamten Prozedur nur gut tun kann, weil sie doch sehr stark von Vorsicht getragen ist: Bevor man austeilt, kassiert man erst selbst zwei von den Watschen, also um eine mehr, als der andere bekommt.

"Dazu kommt für mich noch", fährt Resetarits fort: "Ich bin kroatisch aufgewachsen bis zu meinem vierten Lebensjahr - vom Südburgenland nach Wien, also: diese Zweisprachigkeit, auch diese Diskriminierung, die ich erfahren habe als Kroate in einem Wiener Arbeiterbezirk, dieses von zwei Seiten her, immer noch von zwei Sprachen her denken - obwohl ich heute kein Programm mehr auf Kroatisch spielen könnte. Also kommt auch diese Denkweise dazu - wie die sich in uns fortgesetzt hat, weiß ich jetzt nicht - nicht unbedingt genetisch, aber durch Tradition."

Die zweite Sprache ist einerseits eine Sprache der Minderheit, und in dieser Hinsicht enthält die Erinnerung an das Kroatische ein dramatisches Moment: das Moment der Diskriminierung, der abweisenden Definitionen, durch die man als Nicht-Einheimischer, als Fremder fixiert, festgelegt werden soll. Die Diskriminierung, die ein Skandal ist, enthält aber auch eine klassische Chance. Dass man nämlich erobern muss, was den anderen in den Schoß fällt, räumt die Möglichkeit einer tiefer gehenden Aneignung ein. Die Fremdheit, die - in Wiener Arbeiterbezirken - durch den Schmerz über die Diskriminierung intensiv wird, ist ein guter Ausgangpunkt, ein Beobachtungsstandort, von dem aus die soziale Wirklichkeit sich bestens erschließt. Die Sprache der Minderheit, die "mindere" Sprache, durchdringt schließlich die Sprache der Mehrheit, dringt durch sie durch und lernt sie von innen aus kennen. Was für den Einsprachigen selbstverständlich ist, wird für den, der an zwei Sprachen hängt, durch die zweite Sprache (selbst wenn er in ihr kein Programm mehr spielen könnte) immer relativiert. Diese Relativierung begünstigt das Sprachspiel, das in Wien bekannte und erst recht ironische Wurzeln hat:

"Dann der Wiener Schmäh, der eine sehr starke jüdische und dialektische Komponente hat: das Gegenteil von dem, was man gerade sagt, immer mitdenken oder etwas übers Gegenteil zu definieren, um dann auf irgendetwas zu kommen, was man meint - das sind so Suchversuche, die auch die Mitarbeit des Publikums hervorrufen. Grundsätzlich besteht der Schmäh darin, dass man die Geschichte nicht gerade, nicht 2 x 2 = 4 angeht, sondern a bißl das Ganze umgehend, von hinten aufzäumend, bildlich arbeitend, mit Beispielen, mit skurrilen oder überhöhten Beispielen und sich so an den Kern heranarbeitend. Die Kernaussage trifft man dann aber gar nicht, sondern die schwebt dann in der Luft oder sie wird getroffen von jedem einzelnen, der sich das anhört oder der zuschaut. Der kann halt nicht zurückreden, wenn ich auf der Bühne stehe und rede, aber im Grunde hat es etwas Dialogisches auch, diese Denkweise."

Es ist für mich wichtig, dass Resetarits vom Schmäh als einer Denkweise spricht, denn die Denkweise ermöglicht mir, mein Gedankenspiel, also die Interpretation, die Sie hier hören, aufzunehmen. Aber Denkweise, auf philosophisch auch Methode, bedeutet noch etwas anderes; es kennzeichnet nämlich die besagten Inseln der Gegen-Öffentlichkeit, dass man dort besser keine Meinungen abholt, sondern dass man dort dabei zuhören kann, wie man Meinungen behandelt, wie man sie auflöst, relativiert, wie man ihre Zumutungen abwehrt, wie man gegen sie polemisiert, aber auch, wie manche Meinungen / Auffassungen im Sinne einer minima moralia unabweisbar erscheinen. So ein Konzept funktioniert, wenn überhaupt, im Grunde nur dialogisch, und dass man als Publikum auf die Performance achten muss und sie nicht stören soll, erfordert eine Disziplin, die dem Dialog nicht unbedingt schadet. Ruhig sitzen und zuhören ist auch eine Entlastung, die man in seine Dialogfähigkeit investieren kann.

Das Dialogische knüpft beim Wiener Schmäh an traditionelle Formen an - wenn's hoch kommt an eine jüdische Überlieferung, die man wahrscheinlich aus der Bibel verstehen muss, nämlich daraus, dass man im Judentum das Buch der Bücher studiert, welches sehr, sehr viele Geschichten enthält, sehr viele literarische Formen, Ausdruckweisen und Variationen von Verwandlungen, und immer wieder enthält die Bibel diesen Konflikt des endlichen Menschen mit Gott und der Mensch muss lernen, sich in alle dem, sich mit alle dem selbst zu behaupten; der Mensch ergreift nicht zuletzt zu diesem Zweck das Wort, und das Wort wird nicht einfach sein, nicht einfach so dahingesagt, sondern komplex, vieles auf vielen Ebenen berücksichtigend. Dagegen ist das Dialektische, also die Ironie, etwas durch sein Gegenteil zu sagen (oder das Gegenteil mitzudenken), ein relativ einfaches Verfahren. Wenn jedoch das Publikum nicht mitgeht, also die Ironie nicht versteht, sondern das Dargebotene schlicht für wahr nimmt, ist das Spiel aus. Das Risiko für Ironiker, undialektisch ernst genommen zu werden, besteht seit eh und je (wird es immer größer?): Leute, die keinen Schmäh haben, halten einen im Ernst vor, was man ironisch meinte.

Der Schmäh funktioniert nicht linear, sondern indirekt, nämlich dadurch, dass man die Geschichte nicht gerade, nicht 2 x 2 = 4 angeht, sondern a bißl das Ganze umgehend, von hinten aufzäumend, bildlich arbeitend, mit Beispielen, mit skurillen oder überhöhten Beispielen und sich so an den Kern heranarbeitend. Die Kernaussage trifft man dann aber gar nicht, sondern die schwebt dann in der Luft oder sie wird getroffen von jedem einzelnen, der sich das anhört oder der zuschaut. Das Zitat gibt die beste denkbare Darstellung von alle dem, was Resetarits auf der Bühne so machte - und man muss die Ambivalenz nicht verschweigen, die im Indirekten liegt. Was auf der Bühne etwas darstellt, ist im realen Leben der Wiener oft eine Qual: keine Kernaussage, nichts Prägnantes, das, worum es geht, schwebt in der Luft, wer holt es herunter? - und es gibt nicht wenige Leute, denen gerade dieses einheimische Mentalitätspartikel verhasst ist. Jetzt, weil es überhaupt ja sein muss, kann ich den Kottan erwähnen, eine Figur, an der Resetarits nicht zuletzt überspielte und zum Lachen umfunktionierte, was an einem Wiener, in dem Fall an einem Wiener Beamten, unerträglich ist.

Ich habe die fixe Idee, im Kottan nicht zuletzt eine Figur von zweifelhafter, ungreifbarer und daher - ihrer Flüchtigkeit wegen - auch unangreifbarer Identität zu sehen, schon deshalb, weil er von mehreren Schauspielern dargestellt wurde, die in ihrem Spiel jeweils so taten, als wären sie eh er, nämlich der Kottan als ein und derselbe, obwohl man genau sieht, dass es jeweil ein anderer ist. Das ist das Identitätsproblem - auch Konrad Bayers goldenberg aus dem "sechsten sinn", einem Wien-Roman par excellance, ist ja viele Personen auf einmal (oder eine Person auf viele verteilt), und in dieser Vielfalt ist goldenberg unter anderem anderen auch gar keine Person, er ist nämlich eigenschaftslos, also der moderne Mensch schlechthin. Kottan, dessen Unheimlichkeit - wie so vieles, wenn nicht alles, im Fernsehen - vor aller Augen verborgen wird, erlebt dann im Laufe der Folgen immer stärker die eigene Auflösung - allmählich scheint die Kottan-Figur in Zenkers "Tohuwabohu" hinüberzuwachsen, nicht nur in die gleichnamige Sendung, sondern in den biblischen Wortsinn von Tohuwabohu, nämlich in die größtmögliche Unordnung, die der ordnenden Hand bedarf.

Wir zeichnen hier den letzten Kottan aus - Lukas Resetarits hat die Figur ins Tohuwabohu, aus dem sie an der Hand von Vogel und Buchrieser kam, beinahe wiederum zurückgeführt. Davor aber haben die Fernsehgewaltigen ihr den Garaus gemacht - es ist das Einzige, für das sie berühmt bleiben werden. Für Resetarits selbst ist jedoch die Vielfalt der Figuren, die er auf die Bühne gestellt hat, das Maßgebliche. In dem Radio-Feature " ≠Es ist, bitte, folgendes'... Von der Philosophie des Schmähführens", das Silvia Lahner jüngst zum 60. Geburtstag des Künstlers gemacht hat, erinnert dieser an eine andere der von ihm fortgesetzten Traditionen, an die "Roten Spieler", an ein sozialistisches Kabarett der Zwischenkriegszeit, dem wir die Figuren Magerl und Bladerl verdanken. Magerl ist der asketische Sozialist, ein Mann mit beschränkten Mitteln, der naiv bei der Sache bleibt, und Bladerl, ist derjenige, der es mit dem Sozialismus zu etwas gebracht hat, und der sich ebenso naiv weit weg von der Sache hat treiben lassen . In der zitierten Radiosendung definiert der Künstler die Ambivalenz politischer Interventionen auf der Bühne: Einerseits ist man empört, ganz ehrlich empört, und muss etwas zur Politik sagen, gerade dort, wo sie einen sprachlos macht, anderseits macht's einen Spaß, und so sagte Resetarits: "Ich bin einer, der gerne empört ist."

Ja, man muss lieben, was man macht, sonst kommt man über den Magerl nicht hinaus. Ich liebe zum Beispiel die Fremdenführerfigur aus einem der früheren Programme von Resetarits: Dieser Fremdenführer kann kein Englisch, nicht einmal Denglisch -er erfindet eine Privatsprache, die in seinen Ohren wie Englisch klingt. Diesen Klang versetzt er mit deutschen Wörtern, von denen er sicher ist, dass sie auf auf der ganzen Welt ein jeder versteht, weil sie ja so geläufig sind ... Der Typ hat nicht einmal Sehenswürdigkeiten zu bieten, ich glaube, er führt seine Partie durch die verdächtigen Müllverarbeitungsanlagen der Gemeinde Wien. Aber er verliert die Contenance nicht; er behauptet seinen Unsinn und sich selbst, und ist dabei gar nicht dumm, sondern schlau genug und auch ziemlich aggressiv, um nicht allzu arm dran zu sein. Es ist der Nestroysche Fundus, der in manchen von uns Wienern noch zu finden ist, durch den wir solche Figuren und manchmal sogar uns selbst so richtig lieben können.

Jedenfalls suchen wir Wiener - wie der Fremdenführer - nach Worten, Deutsch ist ja unsere erste Fremdsprache, und wenn wir Worte finden, die es machen, dass wir nicht so unerträglich erscheinen, wie wir tatsächlich sind, dann haben wir schon etwas erreicht. Dass uns Lukas Resetarits all die Jahre dabei geholfen hat, das ist allein schon die heutige Auszeichnung wert, zu der ich ihm herzlich gratuliere.