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Lukas Resetarits - XXII


„XXII“ - diese Zahl ist für eine künstlerische Schaffensperiode von insgesamt 29 Jahren recht stattlich und wurde vielleicht auch aus diesem Grund als Titel gewählt. Ein Titel, der aber heutzutage nicht mehr so ohne weitere Erklärungen verstanden wird, wie Lukas Resetarits gleich zu Beginn des Programms augenzwinkernd bemerkt.

Der Mensch im Mittelpunkt?
Nach wie vor humanistischen Grundwerten verpflichtet, stellt Resetarits den Menschen ausdrücklich in den Mittelpunkt seines Programms, um dann frisch-fröhlich Amüsantes aus dem Tierreich zum Besten zu geben. So erfahren wir Interessantes über die strenge Arbeitsteilung im Ameisenstaat und lernen tote von lebenden Wedellrobben zu unterscheiden.

Resetarits konzediert, dass der Mensch als die „Krone der Schöpfung“ im Vergleich zwar nicht alles so gut kann, aber dafür sehr viel. So können Geparden zwar schneller laufen, dafür aber nicht autofahren, Giraffen können mit Holzlatten nichts anfangen und die Gestik der Winkerkrabbe umfasst nur ein äußerst eingeschränktes Repertoire.

Die aus dieser Vielseitigkeit resultierenden, von ihm zitierten „Errungenschaften“ muten allerdings überwiegend äußerst zweifelhaft an, man beginnt sich zu fragen: „Wer braucht Eisbahnen in Dubai?“ und während man noch lacht, keimt der Verdacht auf, dass das vielleicht alles gar nicht so lustig ist.

Mit seiner kritischen Beschreibung einer Fernsehsendung über Haustiere und deren Bewertung mittels Kuschel-, Haushalts- und Funfaktor stellt er den Hang westlicher Gesellschaften alles, auch Lebewesen, unter dem Aspekt des Nutzwerts zu betrachten in Frage und spannt damit den thematischen Bogen zu unserem Wirtschaftssystem.

Seine launigen Betrachtungen sowie amüsante Anekdoten aus dem Österreich der 50er und 60er Jahre dienen ihm vor allem als Vehikel der subtilen Kritik des Kapitalismus, welcher Menschen in wertvolle und wertlose klassifiziert und in dem das Gesetz von Angebot und Nachfrage die Bevölkerung in Schach hält wie die Flöte eines Schlangenbeschwörers die giftige Schlange.

Gekonnt und auf äußerst unterhaltsame Weise beschreibt er die tatsächlichen und die scheinbaren Vorteile der Privatisierung von staatlichen Monopolen anhand dem Beispiel der Post, die Fusionswelle und die Auswirkungen der Globalisierung sowie die Entsolidarisierung der Gesellschaft meist ohne die Begriffe selbst in den Mund zu nehmen. Schlagworte wie „Ich AG“ und „Win-Win-Situation“ werden von ihm als wirtschaftspolitsche Augenauswischerei enttarnt, nicht ohne uns die eigene Verantwortung (mit hervorragender, musikalischer Unterstützung von Robert Kastler) unter die Nase zu reiben:„...i liag nur, oba glauben teits’as ia...“.

Während Resetarits’ Conclusio zum Thema Mensch leider äußerst pessimistisch ausfällt:„Nur ka Angst, der Teifl holt uns unter Garantie“, ist meine Conclusio zu seinem Programm im Gegensatz dazu äußerst positiv: „XXII“ verdient einen „Römischen Einser“ im Fach „Gesellschaftskritisches Kabarett mit hohem Unterhaltungswert“.

Susanna Knobloch für Klein&Kunst