Premierenkritik: Lukas Resetarits - XXII

Ölfleck und Pressschinken
Es habe Beschwerden gegeben, dass es in den letzten Programmen zu sehr um Tiere gegangen sei, erklärt Lukas Resetarits gleich zu Beginn, und daher stehe diesmal der Mensch unangefochten im Mittelpunkt des Programms. Sehr lustig. Als habe er da nicht immer schon gestanden! Tiere sind für Resetarits nur ein Hobby. Dem menschlichen Individuum aber gehört seine Leidenschaft. Und seiner Rolle als unfreiwilliges Beutel- und Beutetier wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Mächte. Die Fauna eignet sich indes hervorragend für wissenschaftlich fundiertes, fröhliches Gealber. Und Resetarits benutzt die Artenvielfalt natürlich auch in seinem 22. Soloprogramm wieder als harmloses Gleitmittel zu den wirklich wichtigen Problemen. Überspitzt formuliert: Blattschneiderameise und Känguru dienen ihm als dankbare Pausenkasperl mit lehrreichem Mehrwert. Und der Weddellrobbe in der Arktis wird’s auch weitgehend wurscht sein, ob sie ein Kabarettist in Österreich für hässlich und bemitleidenswert hält. Leicht hat sie es ja ohnedies nicht, wenn sie bei minus 54 Grad auf Eis liegen und gelegentlich im mit minus 4 Grad vergleichsweise brennheißen Wasser nach Futter fischen muss. Vorausgesetzt sie hat überhaupt die Möglichkeit dazu, denn: „So ein Eisloch hat ja nur eines im Schädel: Zufrieren!“

Die Krone der Schöpfung
Lukas Resetarits hat wie immer viel zu erzählen. Und er gleitet dabei zu keinem Zeitpunkt in den sonst im Kabarett so beliebten privaten Bereich ab. Er hält sich an allgemein zugängliche Fakten und serviert sie mit Hilfe seines untrüglichen Blicks für die kleinen Absurditäten, Kuriositäten und Unsäglichkeiten des Alltags (ja, auch jenem der Tiere) auf unvergleichlich gewitzte Weise. Die Sportart Biathlon will er dadurch spannender gestalten, dass sich die Athleten hinkünftig gegenseitig abschießen dürfen. Diverse Haustiere untersucht er hinsichtlich ihrer Kuschel-, Wirtschafts- und Fun-Faktoren. Die großteils müßige Diskussion über Evolution und „intelligent design“ mündet in einem absolut angemessenen Stammtischdiskurs über die Sinnhaftigkeit von Wein und Weinglas. Und nicht nur in Anbetracht von Skisporthallen in Dubai und Unterrichtsministerinnen keimen in ihm berechtigte Zweifel über den Menschen als angebliche „Krone der Schöpfung“.

Ein Ölfleck namens Regierung
Dermaßen aufgeheitert und gut gelaunt wird das Publikum dann plötzlich mit der Tragik der steigenden Arbeitslosigkeit konfrontiert. Mit dem Druck, den jeder Arbeitnehmer täglich spürt, wenn rund um ihn herum rationalisiert wird – und draußen schon Dutzende Schlange stehen. „Wenn so einer stirbt“, konstatiert Resetarits, „ist das traurig, aber wurscht.“ Denn die Zeiten von Solidarität und Sozialstaat sind vorbei. Es gilt, der Realität ins Auge zu schauen. Und dabei helfen uns unsere Volksvertreter: unsere so interessant in schwarz-blau-orange schillernde Regierung. „So wie ein Ölfleck auf nasser Strasse“ oder „ein überständiger Pressschinken“. Das sitzt. Eine Regierung als schmierige Unfallgefahr oder dringend zu entsorgendes Billigfutter. Derartig nachhaltige Bilder und pointierte Attacken, die den Nagel immer wieder aber so was von auf den Kopf treffen, sind Resetarits’ größte Stärke – und des Publikums größte Freude.

Musikalische Rückgriffe
Ein wenig enttäuschend vielleicht: die drei Lieder entpuppen sich allesamt als alte Bekannte aus früheren Programmen, denen Resetarits höchstens ein paar aktuelle Verse und Pianist Robert Kastler neue Arrangements verpasst hat. Aber wozu dann überhaupt? Zur Demonstration ihrer Zeitlosigkeit? Sagen wir so: Sie würden dem Programm nicht abgehen. Darüber hinaus ist sein ständiger musikalischer Begleiter diesmal als Anschauungsobjekt für die Vor- und Nachteile einer „Ich-AG“ und für ein paar instrumentale Zwischengänge (Green Onion Curry, Blue Tomato Swing u.a.) zuständig, die Resetarits kurze Verschnaufpausen ermöglichen.

Ehrlich und unverfälscht
Fazit: Erwartungsgemäß amüsant und vielleicht eine Spur entspannter als sonst. Das wird manchen Kritikern bestimmt wieder zu wenig sein. Wo bleibt die Weiterentwicklung? Wo ist die Steigerung? Forderungen, über die ein Resetarits, der seit bald 30 Jahren für kabarettistische Qualität bürgt, längst erhaben ist. Denen er als ausdrücklicher Verweigerer der ständigen Temposteigerung sogar justament die Stirn bieten muss – mit betontem und stets wohldurchdachtem Auf-der-Stelle-Treten. Schließlich ist nicht jede Weiterentwicklung auch ein Fortschritt. Einen großen, wichtigen Schritt ist er vor fünf Programmen gegangen. Weg von der gekünstelten Nummernparade, hin zum ehrlichen Erzähl-Kabarett. Sehr zur Freude jener, die ihn immer schon am liebsten pur genossen haben. Die ihm einfach gerne zuhören. Die sich vielleicht wünschen, sie hätten früher mal so einen wie den Lukas als Lehrer gehabt. Einer, der ihnen von Bio über Ethik bis Geschichte die zeitlosen Zusammenhänge und aktuellen Wichtigkeiten so klar und pointiert zu präsentieren im Stande gewesen wäre.

„XXII“ ist wohltuend unspektakulär. Und „XXIII“ wird sich in diesem Punkt von seinem Vorgänger bestimmt nur wenig unterscheiden. Und wir werden ihm wieder zuhören. So ist das bei Freundschaften nämlich.

Peter Blau