Premierenkritik:
Leo Lukas - Bei guter Führung lebenslänglich

Muntermacher mit Nebenwirkungen

Originellerweise böte sich an, das Pferd vom Schwanz her aufzuzäumen: Denn mit den Worten „Sie haben sich das Pferd verdient“ belohnt Leo Lukas (47) am Ende seines neuen, ca. 20. Solo-Programms das Publikum mit einem herzig wiehernden Stabpüppchen. Und dann pflanzt er seinen Besuchern zum Abschied noch einen Ohrwurm so ungehörig tief in die Gehörgänge, dass er tagelang nicht mehr herausfindet. Ein in seiner sympathischen Sinnlosigkeit vergleichsweise entspannter Schlussakkord für ein Programm, in dem es mehr als nur ein Mal kräftig ans Eingemachte geht.

In „Bei guter Führung lebenslänglich“ nimmt Lukas seine Publikum mit auf eine vielfältige Erlebnisreise durch die Tretmühlen und ihre aktuellen Nebenräume. Und er macht das wie immer auf scharfsinnige und musikalisch verspielte Weise - und ohne Angst vor heiklen Themen. Braucht er auch nicht zu haben, weil kaum vorstellbar ist, dass er sich jemals im Ton vergreifen könnte. Schon gar nicht, wenn er - wie in dem Song „Sehr geehrter Islam“ - besonders brenzliges Terrain betritt: „Nur weil wo a Esel wiehert, macht man doch net gleich an Dschihad.“

Offiziell ist „Bei guter Führung lebenslänglich“ ein „Resozialisierungs-Programm“ für die Insassen von - zum Beispiel - St. Quentin. Und zu diesen Inhaftierten zählen wir alle. Denn St. Quentin ist die Gesellschaft, die uns ihre Zwänge auferlegt. Und das - wie gesagt - bei guter Führung lebenslänglich. Nur, wer es schafft, sich nicht immer gut aufzuführen, kann sich mit etwas Glück zumindest vorübergehend der ewigen Gefangenschaft entziehen.

Mit scheinbar müheloser Originalität erzählt und singt Lukas von einem „ganz normalen Tag auf der Galeere“, von ständiger Videoüberwachung, vom Verrat der BAWAG, von gewissenlosen Geldschefflern, vermeintlich freundlichen Übernahmen, aber auch von seinem Vater und dessen Alltag in der Kohlegrube - und von seinem Großvater, der seinerzeit an der Gründung der Bergarbeiter-Gewerkschaft beteiligt war. Da schleichen sich dann auf familiären Wegen berührende Sentimentalitäten ins Spiel. Und plötzlich ist Lukas nicht mehr nur ein nüchterner Satiriker oder pfiffiger Kritiker, sondern ein mit Herz und Nieren Involvierter. Leo Lukas Unterhaltung ist alles andere als beliebig, so beiläufig und fast schon zufällig sie oft auch daher zu kommen scheint. Sein Humor ist hintersinnig und -listig. Der Spaß wird nur an ausgeschilderten Raststätten für die Aufmerksamkeit kurzzeitig zum Selbstzweck. Hat man diese wieder verlassen, sollte man sich wieder für Witze mit Wirkung wappnen. Denn der Lukas weiß, wo der Hammer hängt. Und weil das Publikum weiß, dass er das weiß, muss er ihn gar nicht oft zum Einsatz bringen. Als drohendes Damoklesschwert erfüllt er seinen Zweck noch besser, denn als schlagkräftiges Werkzeug. Fazit: In Sachen „gewitztes Gereimtes“ kann ihm hierzulande kaum ein Kollege das Wasser reichen. Und inmitten dieses verlässlichen Amusements für alle Ansprüche von albern an aufwärts bestätigt sich Leo Lukas einmal mehr in der Rolle des intelligenten und nachhaltigen Muntermachers für Gewissen und Gehirn.

Peter Blau für www.kabarett.at