Live dabeigewesen

Leo Lukas: Wohin die kleinen Kinder kommen
Foto: © Willy Zwerger

Die Co-Autoren Mike Supancic und Olivier Lendl saßen im Premieren-Publikum, die musikalischen Kampfgefährten Klaus Kofler und Fredi Tezzele (mit ihnen gemeinsam entstand eine wunderbare CD) ebenfalls, und sie konnten allesamt mehr als zufrieden sein mit ihrem kongenialen Kollegen, der da mit "Wohin die kleinen KInder kommen" nicht nur ein inhaltlich buntfrisch zusammengewürfeltes Programm ablieferte, sondern auch von der Performance her einmal mehr bewies, das er zweifelsohne zu den wahrlich Einzigartigen auf den Kleinkunstbrettern, die die Welt bedeuten, zählt.

Der Begriff "Liedgut" erfährt durch Leo Lukas eine neue Dimension, seine musikalische Raffinesse steht dort, wo er vergleichbar wird, den Originalen um nichts nach. Was jedoch die Lieder allesamt so einzigartig macht und ihn selbst fast schwerelos durchs Programm trägt, sind seine Texte. Und genau das ist es, was ihn über die vielen Songwriter stellt. Während diesen inhaltlich nichts als oberflächliches Blabla zur - zugegebenermaßen - genialen Musik eingefallen ist, erzählt Leo Lukas Geschichten, Schicksale, Begebenheiten und Erlebnisse von dir, von mir, von uns allen. Und baut dabei - gerade dann wenn es am Unerwartetsten kommt - die eine oder andere ei gar feine Überraschung ein. Somit macht er sich und seine - gespielten wie gesungenen, rezitierten wie gelesenen, erzählten wie spontanen - Miniaturen zu einer in allen Facetten der Kleinkunst schillernden Perlenkette, die wir am Ende des Abends dann gerne schließen, uns um den Hals hängen und mit stolzgeschwellter Brust dankbar heimtragen. Dankbar, wieder einmal dabei gewesen sein zu dürfen.

Gleich beim Intro konfrontiert uns der Vater zweier Töchter mit dem ewigen Spiel der Doppeldeutigkeiten, läßt uns auf grandios besungene Weise teilhaben am triebgesteuerten Leben - woher die Kinder kommen ist klar, wohin die Kinder kommen schon weniger. Weil einerseits ist es im Endeffekt eher Zufall, in welchen Gulaschkessel wir hineingeboren werden, und andererseits, können wir Kinder jeden Alters auch später noch überall hin abgeschoben werden. Zum Beispiel wenn wir nicht brav sind.

Wobei das mit dem Bravsein so eine ganz hinterlistige subjektive Sache ist. Erstens ist es eine Frage des Geschlechts und zweitens der Tierart. Also, schon ob Mensch oder Tiger oder irgendein ein anderes Raubtier. Da wird die alte Robert John-Coverversion "The lion sleeps tonight" schon mal zur gleichermaßen verteilten Wildtier-Ode und Percussion-Persiflage. Zum Niederknien.

Immer wieder tauchen Gestalten auf, wie zum Beispiel der Junge mit den gefälschten Eintrittskarten, der weitaus später dann im Programm zur Adoption freigegeben wird, oder Otto Schenk als Schulwart beim ultimativen Elternabend samt Kampfmütter zuhauf, beziehungsweise der Mundartdichter Hammerl aus dem letzten Programm. Sein noch nicht ganz fertig gereimtes Muttertagsgedicht zählt wahrlich zum Allerfeinsten der gesamten Poesiegeschichte. Und noch einer ist dabei: Der ehrenwerte Dr. Fortell, genial in Szene gesetzt im Lied "Weul i an Gipshaxn hob".

Wie gefährlich das Leben mittlerweile geworden ist, präsentiert uns Leo Lukas in einer einfachen Milchmädchenrechnung: Da Aids auch nicht wirklich hilft, werden wir Menschen immer mehr, im gleichen Maße zieht sich jedoch Fauna und Flora (wahrscheinlich: da Gscheidare gibt noch) zurück. Immer mehr Menschen glauben an die Wiedergeburt, also ist kein wirkliches Entkommen aus dem Desaster möglich: Mia san afoch zvü.
Schutzengeln gibt es sowieso keine mehr, weil Himmel und Hölle privatisiert und diese somit wegrationalisiert wurden. Was bleibt ist wieder einmal "Wohin die kleinen Kinder kommen", aber da waren wir schon einmal.

Hoffentlich nicht in die Hände vom Wexelberger Kurtl, der für alle was in seinem silbernen Köfferchen hat. Im übrigen genau das gleiche Köfferchen, mit dem Leo seine ältere Tochter auf der WU beim Dealen in der Mensa erwischt hat, aber diese Auflösung sollten Sie sich bitte schon selbst erarbeiten. Was im übrigen ganz einfach ist: Schauen wo der Leo Lukas spielt, Karten bestellen, hingehen und einen grandiosen Abend genießen.
Dabei habe ich jetzt noch gar nicht von seiner Waschrumpelkrawatte, vom unter Umständen auch völlig anderem Ende, vom überaus berührenden Lebenslied zum Schluß und von der fulminanten Kärntner Postlertragödie zur Melodie von Simon & Garfunkels "The Boxer" erzählt, was jedoch das Argumentefaß, warum man Leo Lukas neuesten Wurf unbedingt gesehen haben sollte, völlig zum Überlaufen gebracht hätte.

Willy Zwerger für Klein&Kunst Onlein